Samstag, 15. Juni 2013

Kapitel 3

Vor meinem geistigen Auge sah ich Bilder aufblitzen, die nicht so richtig zusammenpassen wollten, aber mir dennoch bekannt vorkamen. Ich atmete einmal tief durch und versuchte mich zu konzentrieren. Es war wie eine lang verschollene Erinnerung, die nun langsam wieder an die Oberfläche wollte. Vielleicht fand ich ja so heraus, was der Traum mir sagen wollte.
In meinen Ohren vernahm ich nun deutlich die Melodie, die mir vorher schon aufgefallen war und ich fühlte mich in mein Auto versetzt. Ganz wie meine nächtliche Routine auf dem Heimweg nach der Arbeit, drehte ich das Radio voll auf und sang lauthals mit, als vor mir zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit aufblitzten.
Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde ich auch schon von dem entgegenkommenden Auto gerammt und den Hang hinunter geschoben, an welchem ich mich gerade befand. Keuchend öffnete ich die Augen und starrte entsetzt an die Stelle, an der mein Auto Bekanntschaft mit dem Baum geschlossen hatte. Man konnte deutlich erkennen, dass dieser beschädigt war, auch wenn der Zeitpunkt des Unfalls schon etwas her sein mochte. Ich verstand nun noch weniger als vorher und so langsam dämmerte mir, dass dies vielleicht doch kein abgedrehter Traum, sondern bittere Realität war.
Kraftlos ließ ich mich zu Boden sinken und bemerkte, dass mir feuchte Tränen die Wange hinabliefen. Diese Bilder waren so real gewesen, dass es sich nur um Erinnerungen handeln konnte!
Und dann erinnerte ich mich an alles, was ich an diesem Morgen bereits erlebt hatte und die Gewissheit, dass ich tot und nun ein Geist bin, brachte mich beinahe um den Verstand. Wie ein Kind kauerte ich mich zusammen und weinte hemmungslos um all die verlorenen Stunden und Augenblicke, die ich noch vor mir gehabt hätte. Und dann weinte ich um Camille, weil sie erneut eine meiner Bürden zu tragen hatte und damit allein dastand und ich weinte um einfach alles, was ich in meinem Tod bereits vermisste und noch vermissen würde.
Als die Tränen endlich versiegten, beschloss ich herauszufinden, was genau passiert war und wer in diesem anderen Auto gesessen hatte. Und ich wollte herausfinden, wer diese Fremde in meiner Wohnung gewesen war. Mittlerweile war es Nachmittag geworden.
Meine Gedanken führten mich zurück zum Krankenhaus, wo sie schließlich meine Akte haben mussten, des Weiteren wollte ich zur Polizeistation und mir irgendwie Zugang zum Polizeibericht beschaffen und ich musste zurück zu meinem Grab – ich hatte nach der Inschrift mit meinem Namen nicht mal auf das Todesdatum geachtet.
Mit diesem Plan stiefelte ich los, zurück in Richtung Stadt. Eine gute halbe Stunde später drang ich durch die Tore des Friedhofs und folgte dem Pfad zu meinem Grabstein. Ich starrte auf all die Blumen hinab, welche meine letzte Ruhestätte schmückten, ehe ich den Mut fasste, meinen Blick auf die Inschrift zu heben. Der Stein selbst war wunderschön, aber schlicht gestaltet. Er war schwarz mit in der Sonne silbern aufblitzenden Sprenkeln und am linken Rand mit zwei Lilienblüten verziert – die eine war geöffnet und zeigte sich in all ihrer Schönheit, während die andere noch dabei war aufzublühen und jeden ihre wunderbare Pracht erblicken zu lassen. Eingemeißelt und mit weiß-silberner Farbe ausgefüllt, sorgte dieses Blumenkunstwerk erneut dafür, dass ich in Tränen ausbrach. Dieses Motiv, welches das Leben selbst darstellte, hatte ich selbst entworfen. Es zierte unzählige Briefe, die ich Camille geschickt hatte, in einer Zeit, als wir voneinander getrennt waren. Lilien waren schon immer meine Lieblingsblumen und in dieser Variante stellten Sie ein Symbol unserer Freundschaft dar. Es bedeutete: Selbst wenn unsere Freundschaft im Moment in voller Blüte stand, so konnte sie doch welken, doch zugleich würde auch immer eine weitere Blüte folgen – egal wie viele gute oder schlechte Zeiten Camille und ich gehabt hatten und hätten, unsere Freundschaft war stärker als jeder Streit und blühte immer wieder aufs Neue!
Neben dem Motiv stand in geschwungenen und ebenfalls weiß-silbernen Lettern:

In ewigem Gedenken ruht hier Jennifer Lorrain Miller
Geliebte Freundin ruhe in Frieden!
*23.05.1987 – +01.11.2012

Ich wischte mir mit dem Handrücken über mein feuchtes Gesicht. Die Liebe, die aus diesem Grabstein sprach konnte nur von Camille stammen. Die Anfertigung musste sie ein halbes Vermögen gekostet haben! Ich hatte außer Ralph und ihr ja niemanden mehr … gehabt. Ich musste ja jetzt in der Vergangenheit denken! Mein Todesdatum sprang mir erneut ins Auge: 01.11.2012. Seltsam, das war doch ein Dienstag – und war ich nicht auf dem Heimweg von Arbeit gewesen, als das Auto mich erwischte? Stimmt, ich hatte nur die halbe Nacht gearbeitet, da ich mit Ralph für den nächsten Tag verabredet gewesen war. Es hätte somit doch ein Samstag gewesen sein müssen! Dann noch das Jahr – 2012 – ich wusste noch genau, dass ich vor einem halben Jahr erst meinen 24. Geburtstag gefeiert hatte, was ja schon rein rechnerisch 2011 gewesen war! Wo war also dieses eine Jahr hin?
Mühsam erhob ich mich und schaute mich um. Meine Schritte lenkten mich zum Grab meiner Eltern, wo ich stehen blieb und traurig darauf hinabstarrte. Irgendjemand hatte auch hier frische Blumen aufs Grab gelegt und den Grabstein gesäubert – was ebenfalls nur Camilles Werk gewesen sein konnte! Selbst im Tod war sie das Beste, was mir je passieren konnte!
„Genug getrauert“, sagte ich zu mir selbst. „Jetzt wird’s Zeit zu handeln.“ Ich verließ den Friedhof durch einen der Seitenzäune – ein Tor brauchte ich ja nicht mehr – und schlug den Weg in Richtung Polizeirevier ein. Schon nach wenigen Minuten tauchte das riesige Gebäude vor mir auf. Naja, riesig war übertrieben, es war nur der größte Bau in näherer Umgebung und stach somit ins Auge.
Ich fühlte mich ein bisschen unbehaglich, schließlich stand ich im Begriff ins Polizeirevier einzubrechen, auch wenn ich keine andere Handlungswahl hatte – verstehen konnte mich eh keiner. Mir kam noch ein anderer Gedanke: Wie sollte ich an die Akte kommen, um sie lesen zu können? Alles was ich berührte verschaffte mir nur eisige Schauer, wenn es durch mich hindurchglitt. Soweit hatte ich bisher noch nicht gedacht.
Nichtsdestotrotz betrat ich das Revier und versuchte erst einmal herauszufinden, in welcher Richtung das Archiv lag. Suchend starrte ich jede Tür an, die mir entgegenlächelte und ging dann unschlüssig auf eine zu, als hinter mir eine Stimme ertönte: „Halt! Stehen bleiben!“
Ob aufgrund des Schocks, oder des Reflexes, blieb ich stehen, schmiss die Hände in die Luft und drehte mich langsam um. Hinter mir stand ein Mann in den späten Vierzigern mit aschblondem, kurzen Haar und hellbraunen Augen. Mit ausgesteckter Waffe kam er langsam auf mich zu. Vorsichtig warf ich einen Blick über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass er auch wirklich mit mir redete. Nein, da war niemand außer mir. Ich wandte meinen Blick wieder dem Mann vor mir zu. Er trug das typische Outfit eines Polizeibeamten und deutete mir mit seiner P 228, keinen Mucks von mir zu geben.
„Wer sind Sie und was haben Sie hier zu suchen? Dieser Bereich darf nur mit Erlaubnis betreten werden!“
„Sie können mich sehen?“, fragte ich entsetzt und hoffnungsvoll zugleich. Vielleicht hatte ich mir ja doch bloß alles eingebildet und war soeben aus meinem Albtraum erwacht, nur um festzustellen, dass ich schlafwandelte. Mein Blick bettelte ihn förmlich an, mir zu bestätigen, dass ich nicht tot sei.
Der herbe Enttäuschungsschlag folgte sogleich: „Natürlich! Wenn sich die Lebenden sehen können, dann können sich doch wohl auch unerlöste Seelen untereinander verständigen.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Sie scheinen noch neu auf der Ebene zu sein, wenn sie das nicht wissen.“ Die Ebene – so nannte man das in Geisterkreisen also.
„Bis vor einer Stunde dachte ich noch, in einem verrückten Traum festzuhängen.“, erwiderte ich. „Ich wollte nur herausfinden, was passiert ist. Deswegen bin ich hier.“ Ich betrachtete mein Gegenüber erneut und stellte dabei fest, dass er zwar ein paar Zentimeter kleiner war als ich, jedoch einen sehr durchtrainierten Körper besaß. Mit meiner Einschätzung lag ich wahrscheinlich auch um 5 Jahre daneben, sodass er zu seinem Todeszeitpunkt wohl eher zu den Anfang-Vierzigern zählte.
Langsam ließ er seine Waffe sinken und betrachtete mich ebenfalls. „Wie heißen Sie?“, fragte er.
Ich nannte ihm meinen Namen und er nickte kurz und blickte für einen Augenblick stumm auf die Tür hinter mir.
„Ich kann mich an Ihren Fall erinnern. Ein Autounfall letztes Jahr auf der Stecke im Wald. Der Unfallverursacher hat sofort die Polizei und den Notruf verständigt. Das Auto – Totalschaden. Und Sie wurden bewusstlos am Unfallort aufgefunden. Laut den Berichten sind Sie ins Koma gefallen und wurden stationär im örtlichen Krankenhaus behandelt. Vor einer Woche erklärte man Sie für Hirntod und stellte die Geräte ab.“ Sachlich listete er alle Fakten des Falles auf.
Mein Herz rutschte mir in die Hose. „Wie lange lag ich im Koma?!“, schrie ich auf und starrte den toten Polizisten erschrocken an. Ich fühlte, wie mir schwindlig wurde und sackte ein Stück nach vorn zusammen. Geistesgegenwärtig fing mich der Polizist ab und richtete mich wieder auf.
„Normalerweise fallen Geister nicht in Ohnmacht.“, sagte er.
„Tut mir Leid… Das ist alles noch so neu für mich!“, antwortete ich. „Sagen Sie, können Sie mir den Namen des Fahrers verraten, der an meinem Unfall Schuld hat?“
Er schüttelte nur den Kopf. „So gern ich wollte, Miss, ich darf keine Namen herausgeben.“
Enttäuscht ließ ich die Schultern sinken und nickte dem Mann vor mir zu. „Trotzdem vielen herzlichen Dank. Sie haben mir schon sehr geholfen.“ Ich wandte mich in Richtung Tür und verließ die Station. In meinem Rücken spürte ich den mitleidigen Blick des ersten Geistes, dem ich je begegnet war.

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