Ich lenkte meine Schritte zum Krankenhaus, da ich mir dort mehr Erleuchtung in dieser verworrenen Situation erhoffte. Mittlerweile war es früher Abend geworden und das Gebäude strahlte eine Geschäftigkeit wie ein Bienenstock aus, weshalb es mich nicht groß wunderte, das keiner Notiz von mir nahm, als ich am Empfangstresen vorbeistiefelte. Na gut, wenn man es genau nahm, hätte auch so keiner Notiz von mir genommen, schließlich war ich tot!
Ich spazierte also erneut die Korridore der Krankenhausstation entlang und die Geräusche und Gerüche fühlten sich ebenfalls wieder vertraut an; nur dieses Mal wusste ich wenigstens, woran das lag! Ich konnte es noch nicht ganz fassen: Ich sollte ein Jahr hier im Koma verbracht haben? Es fühlte sich merkwürdig an, diesen Gedanken zuzulassen, aber es erklärte auch einiges. Ich wunderte mich also nicht mehr, dass Camille so mitgenommen aussah und auch nicht, dass eine Fremde in meinem Bett lag – obwohl, doch, letzteres wunderte mich schon und es machte mich immer noch unglaublich wütend! Ich verdrängte den Gedanken daran schnell wieder und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Umgebung. Ich sah unzähligen Schwestern und Pflegern in ihrer bunten Arbeitskleidung dabei zu, wie sie über die Gänge wuselten – ab und zu tauchte auch mal ein Doktor dazwischen auf, immer mit einem Stethoskop bewaffnet und erteilte Befehle wie: „Schwester, verabreichen Sie dem Patienten 50 ml Novalgin!“ Ich hatte zwar keine Ahnung, was das sein sollte, aber ein Blick auf den Patienten, welcher dieses Zeug erhalten solle, verriet mir, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Schmerzmittel handeln musste.
Mitleidig stand ich in der Tür zu seinem Zimmer und musterte den armen, sich unter Schmerzen windenden Mann. Ich schien echt Glück gehabt zu haben, mich nicht ebenfalls so quälen zu müssen, bevor ich starb. Eine Schwester schritt zügig durch mich hindurch in das Zimmer hinein – in der Hand eine Spritze. Als sie mich passierte, schüttelte sie sich kurz und man konnte deutlich die aufgestellten Haare auf Ihrem Arm erkennen! Auch mich befiel dieser frostige Moment und ich erkannte, dass die Lebenden mich also doch noch wahrnehmen können – nur eben auf eine andere Art als bisher. Dann trat sie an das Bett des Kranken und flößte ihm das Mittel über seinen Infusionsschlauch ein. Beinahe augenblicklich trat ein erleichterter Gesichtsausdruck auf sein Gesicht und er beruhigte sich.
Ich verließ den Türrahmen und lief weiter den Flur entlang. Fast am Ende konnte ich Camille erkennen. Sie schien gerade erst mit ihrer Schicht begonnen zu haben, denn sie trat, immer noch an einer Haarspange nestelnd, aus dem Schwesternzimmer.
Man sah ihr deutlich an, dass sie bis vor ein paar Minuten noch geweint hatte. Ihre Augen waren rot und etwas verquollen. Sie sah auch älter aus, als ich sie in Erinnerung hatte und ich wusste, dass es meine Schuld war. Sie hatte mehr durchgemacht, als sie verkraften konnte: Erst hatte ihre beste Freundin einen Unfall, dann lag diese auch noch in ihrem Krankenhaus im Koma und sie musste dabei zusehen, wie sie starb! Ich wäre daran zerbrochen, hätte man mir das alles zugemutet.
Zum Glück kannte ich Camille und wusste, dass sie niemals so leicht aufgab!
Sie strich sich ihr Oberteil glatt und setzte ihr Arbeitslächeln auf. Immer, wenn man sie so sah bekam man das Gefühl, dass bald wieder alles gut werden wird, weshalb sie nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei ihren Kollegen sehr beliebt war.
Ich lächelte still in mich hinein, denn ich war froh, dass sie dieses Gefühl immer noch ausstrahlen konnte und folgte ihr dann in eines der Patientenzimmer. Sie hatte heute Spätschicht, weshalb sie damit begann, sich um das tägliche Abendessen zu kümmern. Noch auf dem Weg hierher hatte sie einen Servierwagen abgegriffen, welcher auf dem Flur für sie bereitgestellt worden war. Sie half dem alten Herren aus dem Bett und brachte ihn zu einem kleinen Tisch in der Zimmerecke, bevor sie ihm sein Essen servierte.
Wie ich so im Türrahmen stand und Camille bei ihrer Arbeit beobachtet, überkam mich dieses seltsame Kribbeln, das man immer dann verspürte, wenn man beobachtet wurde. Langsam drehte ich mich nach allen Seiten hin um, wobei mir im ersten Moment niemand besonders auffällig vorkam. Erst als sich ein Schatten aus dem Zimmer mir gegenüber löste und auf mich zukam, entdeckte ich die Quelle meiner Nervosität. Ein etwa 13 Jahre altes Mädchen blieb direkt vor mir stehen.
„Hi!“, sagte ich, in Ermangelung eines besseren Wortschatzes – aber hey, was sollte ich man auch sagen, wenn man eben seinen zweiten Geist zu Gesicht bekam! Dass das Mädchen ein Geist war, daran hatte ich keinen Zweifel; sie war nämlich auf dem Weg über den Flur hinweg durch mindestens zwei Pfleger hindurch gelaufen.
„Hey.“, antwortete sie. Da ich mindestens einen Kopf größer war, musste sie zu mir aufblicken, um mir in die Augen schauen zu können. „Du bist neu hier, nicht wahr?“ Ich nickte ihr zu. „Du bist die Frau, die im Koma lag, richtig?“ Erneutes Nicken meinerseits. Ihr Blick wanderte an mir vorbei in das Zimmer und blieb an Camille hängen. „Sei weint sehr oft um dich… Ihr müsst euch sehr nahe gestanden haben?“ Auch wenn diese Tatsache keine Frage war, hob sie am Ende des Satzes ihre Stimme etwas an und ließ es wie eine klingen.
„Sie war meine beste Freundin. Natürlich stehen… ähm, standen wir uns nahe!“ Ich drehte mich ebenfalls wieder Camille zu, bevor ich weitersprach: „Du hängst hier wohl schon einige Zeit rum, wenn du so viel über sie und mich weißt?“
Der Teenager neigte leicht den Kopf auf die Seite. „Schon eine Weile, ja. Ich folge ihr…“
„Wem? Camille? Warum?“ Erschrocken starrte ich mein Gegenüber an.
„Sie hat mir versprochen, alles würde wieder gut werden! Tot zu sein ist für mich nicht unbedingt die Definition von ‚gut‘.“
„Wahrscheinlich hatte sie keinen Einfluss darauf, dich zu retten!“, erwiderte ich. „Woran bist du überhaupt gestorben?“
„Leukämie…“
Ich lachte trocken auf. „Und dafür machst du Camille verantwortlich? Wie hätte sie dich denn retten sollen?!“
Sie schüttelte bei diesen Worten so heftig den Kopf, dass ihre rote Lockenpracht in wilde Schwingungen geriet.
„Aber sie hatte versprochen, ich werde wieder gesund!“, murmelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart hinein.
„Ich dachte, sie hätte nur gesagt, dass alles wieder gut werden würde?“, antwortete ich darauf. „Und, hast du noch Schmerzen? Oder andere Leiden?“, redete ich weiter auf sie ein.
„Nein.“ Sie blickte zu mir hoch. Ihre grünen großen Augen starrten mich erstaunt an.
„Na, da siehst du es! Sie hat nicht gelogen – dir geht es doch wieder gut!“
„Seltsam, dass ist mir vorher noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen… Danke!“
Ich winkte ab. „Keine große Sache!“ Ich war ziemlich stolz auf mich. „Hey, vielleicht kannst du mir ja ebenfalls helfen?“ Ich machte eine kurze Pause, bevor ich fortfuhr: „Ich will herausfinden, wer mich hierher verfrachtet hat! Du weißt schon, auf die Ebene…“
Sie zuckte mit der Schulter – und ich ließ meine hoffnungslos sinken.
„Ich weiß nicht genau…“, druckste sie herum. „Da war bloß so ein Typ, der jeden Tag hier aufkreuzte und jedem die Hölle heiß machte, damit sie sich bei deiner Rettung besonders große Mühe gaben!“
Freudig klatschte ich mir in die Hände: „Das war bestimmt mein Freund Ralph!“
„Naja… Der war nur einmal hier… Ich weiß, dass er es war, weil Camille ihn ziemlich zusammengestaucht hat, wegen seiner Unzuverlässigkeit!“
Ich taumelte ein Stück zurück und fand mich selbst in der Wand wieder. Erschrocken und fröstelnd trat ich wieder nach vorn.
Camille hatte inzwischen die abendlichen Aufgaben in diesem Zimmer beendet und trat durch uns hindurch in den Korridor.
„Was war das denn für einer, der immer herkam?“, fragte ich das Mädchen wieder und wir folgten meiner Freundin zum nächsten Raum um sie weiter zu beobachten.
„Ich glaube, dass war der, den du suchst.“, antwortete sie und zuckte dann wieder mit der Schulter. Dann deutete sie an mir vorbei: „Das da ist er!“, rief sie aufgeregt. Hastig drehte ich mich um, um meinen potentiellen Mörder zu begutachten. Ein junger Mann Anfang 30 kam gerade die Treppe herauf und hielt sichtlich nach etwas Ausschau. Dann entdeckte er Camille und kam eilig auf sie zu.
„Hallo!“, rief er und wedelte lässig mit einem Arm in der Luft herum. Camille blickte von ihrer Arbeit auf und musterte den Mann.
„Was haben Sie denn noch hier zu suchen?“ In ihrer Stimme schwang eindeutig Entsetzen mit und das schien auch mein potentieller Mörder mitzubekommen. Er verzog für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht, doch dann setzte er wieder dieses strahlende Lächeln auf, welches er schon zuvor Camille gegenüber gezeigt hatte.
„Eigentlich bin ich nur hier, weil ich etwas vermisse… Mein Kalender ist verschwunden und das letztes Mal, dass ich ihn gesehen hatte war auf dem Friedhof, bei der Beer… naja, Sie wissen schon… Ich hatte gehofft, dass Sie es vielleicht gesehen haben?“
„Nein!“, knurrte sie wütend. „Warum sollte ich? Und überhaupt… Wer hat Sie denn auf die Station gelassen?“
„Ich habe einfach die Situation erläutert und die nette Dame am Empfang hat mich heraufgelassen.“, sagte er freundlich. „Schade, wenn Sie mein Buch auch nicht haben, dann muss ich eben weitersuchen! Dennoch, vielen Dank.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, wedelte noch einmal mit seiner Hand in der Luft herum und machte sich auf den Weg zum Ausgang.
Das konnte doch jetzt nicht ernsthaft wahr sein! Der Typ hatte mich umgebracht und dann hatte er die Frechheit, hier aufzutauchen, blöd über seinen Kalender zu quatschen und Camille wütend zu machen! Nun war auch ich wütend! Stinkwütend! Und auch die Wut vom Morgen gegenüber dieser Nackten brodelte wieder in mir hoch.
Ich ballte die Fäuste und jagte dem Typen hinterher, während ich ihn wüst beschimpfte. Er war bereits an der Treppe angelangt und setzte gerade seinen Fuß auf die erste Stufe, als ich mit aller Wucht, die ich aufbringen konnte, gegen ihn prallte…
Und diesmal geschah es wirklich! Ich erwischte ihn vollkommen ohne Vorbereitung – wer rechnet schon mit einem wütenden Geist, der einen rammen könnte! Und er fiel, überschlug sich ein paar Mal und blieb dann reglos am Boden liegen. Entsetzt hielt ich die Luft an.
Ein langgezogener Schrei ertönte hinter mir und schon im nächsten Moment wurde er von einer wuselnden Meute von Schwestern und Pflegern, sowie zwei Ärzten umringt. Einer von beiden brüllte Befehle, während der Andere mit den Wiederbelegungsmaßnahmen begann.
Ich war immer noch völlig verdattert. Ich hatte ihm zwar die Seele aus dem Leib prügeln wollen, doch ihn umzubringen war nicht mein Ziel. Ich war doch keine Mörderin!
Das Teenagermädchen trat neben mich und schaute auf den Mann hinab. „Tja, den hast du voll erwischt!“, sagte sie.
„A-Aber wie?“, stotterte ich zurück. „I-Ich kann doch gar nix mehr berühren!“
„Durch enorme Anstrengung kann ein Geist Gegenstände bewegen und berühren, genauso wie Dinge zerstören. Bösen Geistern fällt das leichter als Guten, deshalb tritt das meist nur bei Poltergeistern auf. Dein gebündelter Zorn hat diese Energie hervorgebracht, mit der du den armen Mann umgebracht hast!“
„Woher weißt du das alles?“, ich starrte immer noch entsetzt auf die Horde von Krankenhausmitarbeitern, da ich mein Opfer in dem Knäul aus Menschen schon gar nicht mehr erkennen konnte. Das einzige was ich erkennen konnte, war Camille die ebenfalls zu dem Verletzten geeilt war und nun neben ihm hockte.
Das Mädchen zuckte mit den Schultern – anscheinend war das so ein Tick von ihr. „Ich habe hier schon viele Geister erlebt, weißt du. In Krankenhäusern sterben immer wieder Menschen und nicht alle gehen hinüber…“
Verständnislos schüttelte ich den Kopf. Und während ich noch immer auf das Gewühl an Menschen starrte und total entgeistert über meine Tat war, bildete die Meute eine Lücke und ich konnte erkennen, wie der Totgeglaubte seine Augen aufschlug und heftig einatmete.
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