Samstag, 1. Juni 2013

Kapitel 2

Das Friedhofstor war ein ziemlich beeindruckender Anblick. Angeblich bestand das mit Ranken und Dornen verzierte Eisentor aus einem einzigen Guss und hatte bereits einige Generationen an Trauernden und Verstorbenen gesehen. Als ich nun im friedlichen Morgenlicht auf dieses Wunderwerk an Schmiedekunst starrte fragte ich mich, wie dieser Traum so aus den Rudern laufen konnte. Normalerweise konnte man seine Träume doch steuern, sobald man herausgefunden hatte, dass man träumte. Natürlich war dieser Albtraum nicht so. Ich war somit eine Gefangene meines Unterbewusstseins.
Während ich noch immer dastand und über meine verkorkste Situation nachdachte, kamen die ersten morgendlichen Besucher des Friedhofes. Eigentlich war dies nicht weiter spannend. Die meisten, die um diese Uhrzeit hierher kamen, waren ältere verwitwete Damen, die sich aufopferungsvoll um die Gräber ihrer verstorbenen Gatten kümmerten.
Doch plötzlich stutzte ich. Zwischen den faltigen Gesichtern blitzte ein mir sehr vertrautes entgegen.

„Camille!“, rief ich und eilte winkend auf die junge Dame zu. Camille Rodriguez war Ende 20 und arbeitete im städtischen Krankenhaus als Schwester. Sie war gertenschlank, hatte kurzgeschnittenes braungefärbtes Haar und ein paar trotzige Sommersprossen, die das ganze Jahr über da waren, lachten aus ihrem Gesicht. Und sie war meine beste Freundin.
Nun aber schien auch sie mich absolut nicht wahrzunehmen. Als ich neben ihr ankam, bemerkte ich ein paar Tränen, die sich den Weg über ihre Wangen bahnten. Meinem Instinkt folgend versuchte ich sie tröstend in den Arm zu nehmen. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen – natürlich ging sie einfach durch mich hindurch und betrat den Friedhof. Ich folgte ihr. Was hätte ich auch anderes machen sollen?
Sie wanderte eine Weile einen schmalen Pfad zwischen verschiedenen Gräbern entlang, bis sie vor einem Neuen stehenblieb. Nein, sie blieb nicht direkt stehen, sie sank davor eher zusammen! Bestürzt sprang ich an ihre Seite und versuchte sie aufzufangen, was allerdings nichts weiter bewirkte, als dass ich durch ihren Körper hindurchglitt.
Camille fing unterdessen an bitterlich zu schluchzen. Es war ein grauenhafter Anblick, wie sie vor diesem fremden Grab lag und alle Hoffnung verloren zu haben schien. Dieses Szenario erinnerte mich an eine Situation vor vier Jahren, nur dass ich damals diejenige war, die schluchzend am Boden lag und Camille diejenige, die mich tröstete. Das war nachdem meine Eltern gestorben waren. Aber vor kurzen erfreuten sich ihre Eltern doch noch bester Gesundheit. Die Frage blieb also: Wessen Tod meine liebste Freundin hier mutterseelenallein betrauerte?
Ich hob den Blick von der jungen Frau und starrte den Grabstein an. Die Inschrift war noch frisch, genauso wie das gesamte Grab:
In ewigem Gedenken ruht hier Jennifer Lorrain Miller
Geliebte Freundin ruhe in Frieden!

Warte mal, was stand da? Verwirrt las ich die Gravur erneut. Nein, kein Zweifel – dieses Grab war MEIN Grab!
Also echt, was war das nur für ein verrückter Morgen? Wenn ich nicht wüsste, dass ich träume, würde ich wohl auf der Stelle von der nächsten Brücke springen!
Immer noch saß Camille schluchzend und vollkommen fertig auf dem erdigen Friedhofsboden. Das letzte Mal hatte ich sie so aufgelöst erlebt, als … ja, eigentlich noch nie! Sie war immer die Stärkere von uns beiden gewesen. Ich konnte mich immer auf sie verlassen und stützen und nun, wo sie meine Hilfe dringend nötig hatte, war ich der Grund für ihren Zusammenbruch. Seufzend ließ ich mich neben sie sinken und legte behutsam einen Arm um ihre Schulter. Auch wenn sie mich nicht spüren konnte, so versuchte ich doch wenigstens ein bisschen, sie zu trösten.
„Jenni, du fehlst mir so!“, wimmerte sie in meinen Armen. „Es ist einfach nicht fair … Warum ausgerechnet du?“ Echte Verzweiflung sprach aus ihren Worten. Sie schien mich echt zu vermissen. Anscheinend war mein Tod noch nicht lang her – so frisch, wie das Grab und ihre Trauer noch waren.
Nach und nach schien sich Camille etwas zu beruhigen. Behutsam ließ ich sie los und setzte mich ihr gegenüber auf meinen Grabstein. Hey, es war immerhin mein Haufen Erde, unter dem ich verscharrt lag, da durfte ich mich schließlich auch darauf setzen!
Camille zog ihre Jacke enger um sich und griff in ihre Tasche. Sie holte ein Bild heraus, auf dem wir beide zu sehen waren und legte es zwischen die Blumen, die in allen Farben auf meinem Grab prangten. „Du wirst immer in meinem Herzen und Gedanken sein, Jenni!“, sagte sie, dann stand sie auf, schaute noch einmal traurig auf den Grabstein und ging.
Ich hüpfte indessen von eben diesem herunter und griff nach dem Bild. Wie schon erwartet bekam ich es nicht zu fassen, also beugte ich mich hinab. Das Foto zeigte Camille und mich auf einer Achterbahn. Ich konnte mich noch gut an den Tag erinnern. Damals war sie gerade hierher gezogen und wir hatten uns kennengelernt. Kurz darauf feierte sie ihren elften Geburtstag im nächsten Erlebnispark und lud mich ein. Dies war der Tag, an dem wir die besten Freundinnen wurden und uns schworen, uns niemals zu trennen. Bisher hatte das auch erfolgreich funktioniert!
Ich nahm mir fest vor, ihr nach meinem Aufwachen, ein ganz besonderes Geschenk zu machen und ihr dafür zu danken, dass sie immer für mich da war.
Ich erhob mich wieder und überlegte gerade, was ich jetzt unternehmen sollte, um aus diesem Traum zu fliehen, als ich ein seltsames Ziehen verspürte. Ich folgte ganz automatisch dem Drang, den Friedhof zu verlassen. Wieder schienen sich meine Beine wie von selbst zu bewegen und ich fand mich nach einer halben Stunde Fußmarsch vor den Toren des Krankenhauses wieder. Vielleicht war es ja Camilles Trauer gewesen, die mich hierher geführt hatte, schließlich war dies ihr Arbeitsplatz.
Wir schienen auch nach meinem geträumten Tod noch immer sehr verbunden zu sein, was mich ziemlich glücklich machte und mir das Gefühl nahm, ich müsste Angst haben, sollte es irgendwann zu meinem richtigen Tod kommen. Immerhin waren wir die besten Freundinnen seit jenem elften Geburtstag und seitdem waren wir auch unzertrennlich. Wir teilten uns sogar eine Wohnung, als Camille und ich nach dem Schulabschluss mit unseren Ausbildungen begonnen hatten und hatten uns erst davon getrennt, als ich mit Ralph vor zwei Jahren zusammenzog. Camille selbst hatte immer wenig Glück bei den Männern, was aber nicht an ihrem Aussehen und schon gar nicht an ihrer Art lag! Sie war der bezauberndste und tollste Mensch, dem ich je in meinem Leben begegnet war, nur ihre Berufswahl schreckte viele Männer ab. Jeder wusste, was für ein anstrengender und zeitintensiver Job der ihre war. Es gab einen Mann in ihrem Leben, in den sie verliebt war, doch leider war dieser besondere Herr Doktor in dem Krankenhaus, in dem sie angestellt war – und leider waren Liebesbeziehungen zwischen Ärzten und Schwestern dort verboten.
Sie hatte also schon so genug Hürden zu nehmen, was nicht gerade förderlich für ihre derzeitige Laune war und nun stellte mich mein Unterbewusstsein vor die Tatsache, dass ich sie auch noch im Stich ließ!
Ziemlich sauer über meinen verworrenen Traum stiefelte ich die Eingangstreppe hinauf und schwebte durch die geschlossenen Glastüren des Krankenhauses. Drinnen traf mich der vertraute Geruch nach Desinfizierungsmittel und alten Menschen und ich hielt instinktiv die Luft an, um mich nach und nach an den Gestank zu gewöhnen. Keiner der anwesenden Personen bemerkte mich. Wie auch? Ich hatte ja bereits festgestellt, dass ich tot war und als Geist in meinem eigenen Traum herumspukte. Also lief ich einfach am Empfangstresen vorbei und machte mich auf die Suche nach Camille. Ich war schließlich ihretwegen hier!
Als ich durch die Korridore ging, umgeben von unzähligen Schwestern und Patienten, und ein Blick in die verschiedenen Zimmer warf, hatte ich das Gefühl, erst vor kurzem hier gewesen zu sein. Allerdings mied ich das Krankenhaus normalerweise wie die Pest, da ich außer Camille nur negative Erinnerungen damit verband. Damals, als meine Eltern bei einem schweren Sturm auf dem Heimweg waren und von einem Baum niedergeschlagen wurden, hatte ich jeden Tag hoffend und betend an ihren Betten gewacht, doch leider konnte ihnen niemand mehr helfen. Sie starben an den Folgen des Unfalls und ich setzte freiwillig keinen Fuß mehr in dieses Haus.
Und doch hatte mein Weg mich hierhergeführt und ich bekam das Gefühl nicht los, dass ich eine ganze Weile hier verbracht hatte. Dieses Gefühl wurde vom Geruch im Haus und den Stimmen der Schwestern und Pfleger, sowie den regen Geräuschen des Krankenhausalltags noch verstärkt. Ich blieb stehen und sah mich nach allen Seiten hin um. In meine Gedanken mischten sich das piepsende Geräusch einer Maschine und eine männliche, wohltuende Stimme, die mir vertraut und doch fremd erschien. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich darauf. Nach und nach ebbten die Geräusche um mich herum ab und ich spürte einen seltsamen Lufthauch auf meinem Gesicht. Als ich die Augen wieder öffnete, erkannte ich zu meinem Schrecken, dass ich mich längst nicht mehr im Krankenhaus befand. Ich war nicht einmal mehr in der Stadt, sondern mitten im Wald auf einem Stück Straße. Das Stück, welches ich immer passierte auf dem Weg zur Arbeit.
Ich stand direkt an einem kleinen Abhang und blickte auf ein Holzkreuz, welches ich noch nicht kannte. Das erschreckende war, auch darauf las ich meinen Namen: Jennifer. Bedrohlich prangten die Buchstaben auf dem dunklen Holz des Kreuzes. Davor standen eine Kerze und ein frischer Blumenstrauß. Was war nur geschehen? Von diesem absurden Traum bekam ich langsam ganz schöne Kopfschmerzen, also schloss ich wieder die Augen. In meinen Ohren dröhnte der Wind und irgendwoher vernahm ich die Klänge eines Radios, die langsam anschwellten:
I'm gonna marry the night
I'm gonna burn a hole in the road
I'm gonna marry the night
Leave nothing on these streets to explode
...

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