Das
Friedhofstor war ein ziemlich beeindruckender Anblick. Angeblich bestand das
mit Ranken und Dornen verzierte Eisentor aus einem einzigen Guss und hatte
bereits einige Generationen an Trauernden und Verstorbenen gesehen. Als ich nun
im friedlichen Morgenlicht auf dieses Wunderwerk an Schmiedekunst starrte
fragte ich mich, wie dieser Traum so aus den Rudern laufen konnte.
Normalerweise konnte man seine Träume doch steuern, sobald man herausgefunden
hatte, dass man träumte. Natürlich war dieser Albtraum nicht so. Ich war somit
eine Gefangene meines Unterbewusstseins.
Während
ich noch immer dastand und über meine verkorkste Situation nachdachte, kamen
die ersten morgendlichen Besucher des Friedhofes. Eigentlich war dies nicht
weiter spannend. Die meisten, die um diese Uhrzeit hierher kamen, waren ältere
verwitwete Damen, die sich aufopferungsvoll um die Gräber ihrer verstorbenen
Gatten kümmerten.
Doch
plötzlich stutzte ich. Zwischen den faltigen Gesichtern blitzte ein mir sehr
vertrautes entgegen.
„Camille!“,
rief ich und eilte winkend auf die junge Dame zu. Camille Rodriguez war Ende 20
und arbeitete im städtischen Krankenhaus als Schwester. Sie war gertenschlank,
hatte kurzgeschnittenes braungefärbtes Haar und ein paar trotzige
Sommersprossen, die das ganze Jahr über da waren, lachten aus ihrem Gesicht.
Und sie war meine beste Freundin.
Nun
aber schien auch sie mich absolut nicht wahrzunehmen. Als ich neben ihr ankam,
bemerkte ich ein paar Tränen, die sich den Weg über ihre Wangen bahnten. Meinem
Instinkt folgend versuchte ich sie tröstend in den Arm zu nehmen. Eigentlich
hätte ich es besser wissen müssen – natürlich ging sie einfach durch mich
hindurch und betrat den Friedhof. Ich folgte ihr. Was hätte ich auch anderes
machen sollen?
Sie
wanderte eine Weile einen schmalen Pfad zwischen verschiedenen Gräbern entlang,
bis sie vor einem Neuen stehenblieb. Nein, sie blieb nicht direkt stehen, sie
sank davor eher zusammen! Bestürzt sprang ich an ihre Seite und versuchte sie
aufzufangen, was allerdings nichts weiter bewirkte, als dass ich durch ihren
Körper hindurchglitt.
Camille
fing unterdessen an bitterlich zu schluchzen. Es war ein grauenhafter Anblick,
wie sie vor diesem fremden Grab lag und alle Hoffnung verloren zu haben schien.
Dieses Szenario erinnerte mich an eine Situation vor vier Jahren, nur dass ich damals
diejenige war, die schluchzend am Boden lag und Camille diejenige, die mich
tröstete. Das war nachdem meine Eltern gestorben waren. Aber vor kurzen
erfreuten sich ihre Eltern doch noch bester Gesundheit. Die Frage blieb also:
Wessen Tod meine liebste Freundin hier mutterseelenallein betrauerte?
Ich
hob den Blick von der jungen Frau und starrte den Grabstein an. Die Inschrift
war noch frisch, genauso wie das gesamte Grab:
In ewigem Gedenken ruht hier Jennifer Lorrain Miller
Geliebte Freundin ruhe in Frieden!
Warte
mal, was stand da? Verwirrt las ich die Gravur erneut. Nein, kein Zweifel –
dieses Grab war MEIN Grab!
Also
echt, was war das nur für ein verrückter Morgen? Wenn ich nicht wüsste, dass
ich träume, würde ich wohl auf der Stelle von der nächsten Brücke springen!
Immer
noch saß Camille schluchzend und vollkommen fertig auf dem erdigen
Friedhofsboden. Das letzte Mal hatte ich sie so aufgelöst erlebt, als … ja,
eigentlich noch nie! Sie war immer die Stärkere von uns beiden gewesen. Ich
konnte mich immer auf sie verlassen und stützen und nun, wo sie meine Hilfe
dringend nötig hatte, war ich der Grund für ihren Zusammenbruch. Seufzend ließ
ich mich neben sie sinken und legte behutsam einen Arm um ihre Schulter. Auch
wenn sie mich nicht spüren konnte, so versuchte ich doch wenigstens ein
bisschen, sie zu trösten.
„Jenni,
du fehlst mir so!“, wimmerte sie in meinen Armen. „Es ist einfach nicht fair …
Warum ausgerechnet du?“ Echte Verzweiflung sprach aus ihren Worten. Sie schien
mich echt zu vermissen. Anscheinend war mein Tod noch nicht lang her – so
frisch, wie das Grab und ihre Trauer noch waren.
Nach
und nach schien sich Camille etwas zu beruhigen. Behutsam ließ ich sie los und
setzte mich ihr gegenüber auf meinen Grabstein. Hey, es war immerhin mein
Haufen Erde, unter dem ich verscharrt lag, da durfte ich mich schließlich auch
darauf setzen!
Camille
zog ihre Jacke enger um sich und griff in ihre Tasche. Sie holte ein Bild
heraus, auf dem wir beide zu sehen waren und legte es zwischen die Blumen, die
in allen Farben auf meinem Grab prangten. „Du wirst immer in meinem Herzen und
Gedanken sein, Jenni!“, sagte sie, dann stand sie auf, schaute noch einmal
traurig auf den Grabstein und ging.
Ich
hüpfte indessen von eben diesem herunter und griff nach dem Bild. Wie schon
erwartet bekam ich es nicht zu fassen, also beugte ich mich hinab. Das Foto
zeigte Camille und mich auf einer Achterbahn. Ich konnte mich noch gut an den
Tag erinnern. Damals war sie gerade hierher gezogen und wir hatten uns
kennengelernt. Kurz darauf feierte sie ihren elften Geburtstag im nächsten
Erlebnispark und lud mich ein. Dies war der Tag, an dem wir die besten Freundinnen
wurden und uns schworen, uns niemals zu trennen. Bisher hatte das auch
erfolgreich funktioniert!
Ich
nahm mir fest vor, ihr nach meinem Aufwachen, ein ganz besonderes Geschenk zu
machen und ihr dafür zu danken, dass sie immer für mich da war.
Ich
erhob mich wieder und überlegte gerade, was ich jetzt unternehmen sollte, um
aus diesem Traum zu fliehen, als ich ein seltsames Ziehen verspürte. Ich folgte
ganz automatisch dem Drang, den Friedhof zu verlassen. Wieder schienen sich
meine Beine wie von selbst zu bewegen und ich fand mich nach einer halben
Stunde Fußmarsch vor den Toren des Krankenhauses wieder. Vielleicht war es ja
Camilles Trauer gewesen, die mich hierher geführt hatte, schließlich war dies
ihr Arbeitsplatz.
Wir
schienen auch nach meinem geträumten Tod noch immer sehr verbunden zu sein, was
mich ziemlich glücklich machte und mir das Gefühl nahm, ich müsste Angst haben,
sollte es irgendwann zu meinem richtigen Tod kommen. Immerhin waren wir die
besten Freundinnen seit jenem elften Geburtstag und seitdem waren wir auch
unzertrennlich. Wir teilten uns sogar eine Wohnung, als Camille und ich nach
dem Schulabschluss mit unseren Ausbildungen begonnen hatten und hatten uns erst
davon getrennt, als ich mit Ralph vor zwei Jahren zusammenzog. Camille selbst
hatte immer wenig Glück bei den Männern, was aber nicht an ihrem Aussehen und
schon gar nicht an ihrer Art lag! Sie war der bezauberndste und tollste Mensch,
dem ich je in meinem Leben begegnet war, nur ihre Berufswahl schreckte viele
Männer ab. Jeder wusste, was für ein anstrengender und zeitintensiver Job der
ihre war. Es gab einen Mann in ihrem Leben, in den sie verliebt war, doch
leider war dieser besondere Herr Doktor in dem Krankenhaus, in dem sie
angestellt war – und leider waren Liebesbeziehungen zwischen Ärzten und
Schwestern dort verboten.
Sie
hatte also schon so genug Hürden zu nehmen, was nicht gerade förderlich für
ihre derzeitige Laune war und nun stellte mich mein Unterbewusstsein vor die
Tatsache, dass ich sie auch noch im Stich ließ!
Ziemlich
sauer über meinen verworrenen Traum stiefelte ich die Eingangstreppe hinauf und
schwebte durch die geschlossenen Glastüren des Krankenhauses. Drinnen traf mich
der vertraute Geruch nach Desinfizierungsmittel und alten Menschen und ich
hielt instinktiv die Luft an, um mich nach und nach an den Gestank zu gewöhnen.
Keiner der anwesenden Personen bemerkte mich. Wie auch? Ich hatte ja bereits
festgestellt, dass ich tot war und als Geist in meinem eigenen Traum
herumspukte. Also lief ich einfach am Empfangstresen vorbei und machte mich auf
die Suche nach Camille. Ich war schließlich ihretwegen hier!
Als
ich durch die Korridore ging, umgeben von unzähligen Schwestern und Patienten,
und ein Blick in die verschiedenen Zimmer warf, hatte ich das Gefühl, erst vor
kurzem hier gewesen zu sein. Allerdings mied ich das Krankenhaus normalerweise
wie die Pest, da ich außer Camille nur negative Erinnerungen damit verband. Damals,
als meine Eltern bei einem schweren Sturm auf dem Heimweg waren und von einem
Baum niedergeschlagen wurden, hatte ich jeden Tag hoffend und betend an ihren
Betten gewacht, doch leider konnte ihnen niemand mehr helfen. Sie starben an
den Folgen des Unfalls und ich setzte freiwillig keinen Fuß mehr in dieses
Haus.
Und
doch hatte mein Weg mich hierhergeführt und ich bekam das Gefühl nicht los,
dass ich eine ganze Weile hier verbracht hatte. Dieses Gefühl wurde vom Geruch
im Haus und den Stimmen der Schwestern und Pfleger, sowie den regen Geräuschen
des Krankenhausalltags noch verstärkt. Ich blieb stehen und sah mich nach allen
Seiten hin um. In meine Gedanken mischten sich das piepsende Geräusch einer
Maschine und eine männliche, wohltuende Stimme, die mir vertraut und doch fremd
erschien. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich darauf. Nach und nach
ebbten die Geräusche um mich herum ab und ich spürte einen seltsamen Lufthauch
auf meinem Gesicht. Als ich die Augen wieder öffnete, erkannte ich zu meinem
Schrecken, dass ich mich längst nicht mehr im Krankenhaus befand. Ich war nicht
einmal mehr in der Stadt, sondern mitten im Wald auf einem Stück Straße. Das
Stück, welches ich immer passierte auf dem Weg zur Arbeit.
Ich
stand direkt an einem kleinen Abhang und blickte auf ein Holzkreuz, welches ich
noch nicht kannte. Das erschreckende war, auch darauf las ich meinen Namen: Jennifer. Bedrohlich prangten die
Buchstaben auf dem dunklen Holz des Kreuzes. Davor standen eine Kerze und ein
frischer Blumenstrauß. Was war nur geschehen? Von diesem absurden Traum bekam
ich langsam ganz schöne Kopfschmerzen, also schloss ich wieder die Augen. In
meinen Ohren dröhnte der Wind und irgendwoher vernahm ich die Klänge eines
Radios, die langsam anschwellten:
I'm gonna marry the night
I'm gonna burn a hole in the road
I'm gonna marry the night
Leave
nothing on these streets to explode
...
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