Freitag, 24. Mai 2013

Kapitel 1


Schrill klingelte der Wecker und verkündetet damit die Ankunft eines weiteren Morgens. Wie immer schlief Ralph noch – er überhörte ständig den nervenden Piepton dieses kleinen Mistdinges, weshalb ich es einfach weiterklingeln ließ, in der Hoffnung, dass es ihn doch irgendwann aus dem Schlaf schrecken würde. Ein Blick in Richtung Fenster sagte mir, dass die Sonne sich ebenfalls bereits aus den Federn bemüht hatte und nun munter durch die halb geschlossenen Jalousien blinzelte. Irgendwie stimmte mich diese Einsicht gleich etwas froher.
Beschwingt warf ich meine Beine über den Rand des Bettes und erhob mich. Dieser Morgen versprach doch noch gut zu werden – ich hatte es im Gefühl.
Ich fühlte mich ungewohnt ausgeruht und leicht, sodass ich beschloss Ralph mit einem leckeren Frühstück aus dem Bett zu locken – oder wieder hinein, wenn er sich locken ließ! Bereits der Gedanke daran brachte mich zum Grinsen.
Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus dem Zimmer. Gott sei Dank hatten wir uns vor einiger Zeit darauf geeinigt, unsere Schlafzimmertür immer geöffnet zu lassen. Bei jedem Schwung, den die Tür ausführte, knarzte und quietschte sie abscheulich und da Ralph und ich zu sehr unterschiedlichen Zeiten aufstanden, war es besser die Tür offen und den anderen somit weiterschlafen zu lassen.
Auf dem Weg zur Küche, welches mit Schlafzimmer, Bad, Stube und Eingangstür durch einen schmalen relativ kurzen Gang verbunden war, versuchte ich ebenfalls so leise wie möglich voranzukommen. Plötzlich bemerkte ich ein Geräusch aus dem Badezimmer. Seltsam, gerade eben lag Ralph doch noch schlummernd in seiner Betthälfte. Ich näherte mich der Badezimmertür, als diese von innen aufgestoßen wurde. Ich konnte gerade noch rechtzeitig beiseite springen, um die Tür nicht an den Schädel geknallt zu bekommen. Völlig verdattert starrte ich die fremde, NACKTE Frau an, die da aus MEINEM Badezimmer kam und in MEIN Schlafzimmer marschierte, als wäre dies hier ihre Wohnung.
Wütend stürmte ich hinter ihr her und schrie laut: „Hey!“
Mich völlig ignorierend lief die Fremde einfach weiter. Zu allem Überfluss beugte sie sich über meinen noch schlafenden Freund und schnurrte ihm leise ins Ohr. Na die konnte was erleben!
Voller Zorn sprang ich die Hure an und schlug ihr meine Faust mitten ins Gesicht.
Zumindest versuchte ich zuzuschlagen.
Meine Faust glitt nämlich einfach so durch dieses Miststück hindurch! Was sollte das denn jetzt? Was für eine abgedrehte Freakshow lief denn hier ab?
Noch immer völlig fassungslos versuchte ich erneut der immer noch schnurrenden Schlampe die Fresse zu polieren – zu meinem wachsenden Entsetzten ohne Erfolg!
Endlich hatte die blöde nackte Kuh es geschafft Ralph zu wecken und mit einem anzüglichen Grinsen musterte er die Fremde von oben bis unten, die sich kokett unter seinem Blick räkelte und ihre Reize spielen ließ. Dann zog er sie zu sich unter die Decke und die beiden fingen an zu knutschen wie zwei Teenager. Bääh!
Irgendwas lief hier gerade eindeutig schief. Ich hätte jetzt an ihrer Stelle liegen müssen – war es nicht vor ein paar Minuten noch mein Plan gewesen, ihn zu verführen?
Noch dazu hatte ich keine Ahnung, warum ich dieses verdammte Miststück nicht verprügeln konnte, sondern immer nur durch sie hindurchgriff.
Meine Verwirrung über diese seltsamen Umstände wich unbändiger Wut – über diese nackte Fremde, über Ralph, über mich. Ich meine, die beiden hatten mich noch nicht einmal bemerkt und dabei schimpfte und zeterte ich wie noch nie in meinem Leben.
Warum machte mein Ralph auch mit dieser Schnepfe rum? Und warum konnte ich den beiden nicht die Augen auskratzen?
Ich wollte es auf einen weiteren Versuch ankommen lassen, sprang auf das Bett, in welchem sich die beiden wohlig suhlten, und versuchte den Arm der Fremden zu packen, um sie von Ralph herunterzuziehen, während ich beide anschrie, schimpfte und um mich schlug! Leider blieb der Versuch erfolglos. Nicht einen Blick schenkten sie mir. Hemmungslos knutschen und fummelten die beiden weiter aneinander herum.
Ich kapierte es einfach nicht. Verstand wirklich nicht, was hier los war!
Noch dazu ertrug ich das ganze Geschmatze und Gestöhne nicht mehr, welches immer lauter unter der Bettdecke hervordrang. MEINER Bettdecke, wie mir wieder bewusst wurde.
Heulend und wütend sprang ich auf und stürzte aus dem Zimmer.
Es musste eine logische Erklärung dafür geben, das wusste ich. Eigentlich gab es auch nur eine sinnvolle Erklärung für alles: Ich musste in einem megamiesen Albtraum festhängen! Bloß wie sollte ich da wieder rauskommen?
Im Film kniffen sich die Leute immer gegenseitig, um schlechten Träumen zu entfliehen, also zwickte ich mich so fest ich konnte in den Arm. Das enttäuschende Ergebnis war allerdings nur ein kurzer Schmerzenslaut, der sich den Tiefen meiner Kehle entrang. Das konnte – nein durfte! – doch einfach nicht wahr sein!
Schon wieder stieg diese wirre Verzweiflung in mir hoch und ich versuchte krampfhaft einen klaren Gedanken zu fassen, während durch die offene Schlafzimmertür eindeutige Geräusche drangen, welche meine Wut und Verzweiflung nur noch mehr steigerten.
„Ich muss hier raus!“, sprach ich laut aus, was ich dachte und stiefelte in Richtung Tür. Ganz selbstverständlich und ohne weiter darüber nachzudenken streckte ich meine Hand nach der Klinke aus, doch alles, was ich zu fassen bekam, war ein eisiger Lufthauch.
Vor Wut über diesen erneuten Fehlschlag, rammte ich meine Faust mit aller Kraft gegen das Holz der Tür und auch dieses Mal glitt mein Arm komplett hindurch. Ich versuchte es erneut, mit demselben Ergebnis.
So langsam begriff ich, dass ich gar nicht wirklich körperlich anwesend war und mal ehrlich – das konnte ja wohl nur ein völlig abgedrehter Albtraum sein!
„Nun gut, dann lass ich mich eben auf dieses Spielchen ein.“, sagte ich zu meinem Unterbewusstsein.
Ich glitt mühelos durch die geschlossene Tür. Ein eisiger Schauer erfasste mich, als ich mich mitten im Holz befand. Gruselig, dachte ich.  Wie ein Geist. Vorsichtig untersuchte ich meinen Körper auf bleibende Schäden, die durch diese Aktion entstanden sein könnten. Zum Glück war mein Körper nach wie vor so makellos wie immer.
Doch was sollte ich nun machen? In meinem Bett tummelten sich mein Ex-Freund – nach der Aktion brauchte er gar nicht erst wieder angekrochen kommen – und seine Hure und ich wusste immer noch nicht, wie ich aus diesem bescheuerten Traum rauskommen sollte!
Ich verspürte den Drang, endlich aus diesem Haus zu verschwinden, also ging ich die 5 Etagen des Hauses hinab, in der unsere Wohnung lag. Unten am Eingang kam mir Mrs. Pattinson von gegenüber entgegen und ich grüßte sie freundlich. Auch sie nahm keine Notiz von mir.
Also wirklich! Selbst für einen Traum war die Sache ganz schön verrückt. Irgendwie musste ich herausfinden, was mein Unterbewusstsein mir damit sagen wollte.
Die Tür fiel hinter Mrs. Pattinson wieder ins Schloss, doch wie ich bereits wusste, hielt mich das nicht auf. Auch durch diese Tür sprang ich einfach hindurch und schlang danach fröstelnd meine Arme um meinen Oberkörper. Diese ganze durch-Wände-gehen-Sache war ziemlich eisig! Ich sollte mal ein ernstes Wörtchen mit meiner Fantasie reden, wenn der Wecker endlich richtig klingelt.
In Gedanken versunken bewegte ich mich immer weiter vom Haus fort. So richtig bekam ich nicht mit, wo meine Schritte mich hinlenkten, bis ich verwundert feststellte, dass ich am nahegelegenen Friedhof gelandet war.

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