Freitag, 19. April 2013

Prolog



Es war an einem Samstag. Hätte man mir früher einmal erzählt, ich sterbe an einem Samstag, hätte ich nur die Augen verdreht. Oder ich hätte mir geschworen, mir jeden Samstag etwas Wellness zu gönnen. Leider ist es dafür nun zu spät. Allerdings, wenn man es genau nahm, bin ich nicht an jenem Tag gestorben, doch für mich macht das keinen Unterschied. Der Samstag war der letzte Tag, den ich gelebt habe.
Eigentlich begann der Tag wie jeder andere Arbeitstag für mich: Ich schlief bis zum Mittagessen, gönnte mir dann eine Pizza von Pizza Hut, bekam ein schlechtes Gewissen und ging joggen. Gegen Abend machte ich mich dann auf den Weg zur Arbeit. Als ich an jenem Mittag aufstand, lag ein Zettel auf dem Küchentisch von meinem Freund Ralph. Er wollte Sonntag mit mir Mittagessen gehen, da wir uns in letzter Zeit ziemlich selten sahen.
Als ich noch lebte, arbeitete ich als Barkeeperin im angesagtesten Club der Stadt, dem „Carpe Noctem“. Ich weiß, ich weiß, der Name ist ziemlich abgedroschen und klingt eher nach Puff, als nach Disko oder Bar, aber er lief gut. Auch wenn ich nur hinter der Theke arbeiten sollte, schmiss ich den Laden im Prinzip als rechte Hand des Chefs. Der Inhaber des Clubs, Charlie O’Neil, war meist sein eigener und bester Gast, weshalb die meiste Arbeit am Abend an mir hängen blieb. Der Club öffnete abends um neun und schloss am nächsten Morgen um sieben Uhr seine Pforten.
Aufgrund des Dates mit meinem Freund am nächsten Tag, bat ich Serena, meine Arbeitskollegin, die zweite Hälfte meiner Schicht zu übernehmen. Wäre Serena nicht so ein Goldstück, würde ich vielleicht noch Leben.
Meinen Arbeitsweg legte ich mit dem Auto innerhalb von 20 Minuten zurück. Ralph und ich wohnten im Nachbarort des „Carpe Noctem“, einem Dorf mittlerer Größe. Dorf und Stadt trennten in diesem Fall ein Stückchen Wald - schon bevor es zu meinem Tod kam, fand ich es dort immer unheimlich.
Der Weg hindurch war sehr schmal, aber um zwei Uhr nachts war diese Straße so gut wie nie befahren. Nur ein paar Eichhörnchen oder im Herbst auch einmal ein paar Rehe verirrten sich zu dieser Zeit auf die Fahrbahn. Wie immer drehte ich das Radio laut auf, um die unangenehme Stille zu übertönen. Es lief gerade „Marry the Night“ von Lady Gaga und ich sang Lauthals und ungehemmt mit.
Vor mir tauchten zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit auf, also wurde ich etwas langsamer und wich ein Stückchen auf den Seitenstreifen aus. Neben mir ging es ein gutes Stück den Hügel hinab. Das fremde Auto fuhr mit immer noch unverminderter Geschwindigkeit und ohne zu bremsen auf mich zu. Leider bemerkte ich zu spät für jegliche Reaktionen, dass der Fahrer keine Anstalten machte, mir ebenfalls auszuweichen. In dem Moment, als ich die Bremse bis zum Anschlag durchtrat, rammte mich der Wagen mit voller Wucht. Der Aufprall war so heftig, dass mein Wagen von der Straße den Hang hinunter geschoben wurde. Ich überschlug mich ein-, zweimal und krachte in einen Baum, dessen dunkle Äste sich vor dem hellen Mondlicht schwarz abhoben.
Dieses Bild war das Letzte, was ich in mich aufnahm…

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