Es
war an einem Samstag. Hätte man mir früher einmal erzählt, ich sterbe an einem
Samstag, hätte ich nur die Augen verdreht. Oder ich hätte mir geschworen, mir
jeden Samstag etwas Wellness zu gönnen. Leider ist es dafür nun zu spät.
Allerdings, wenn man es genau nahm, bin ich nicht an jenem Tag gestorben, doch
für mich macht das keinen Unterschied. Der Samstag war der letzte Tag, den ich
gelebt habe.
Eigentlich
begann der Tag wie jeder andere Arbeitstag für mich: Ich schlief bis zum
Mittagessen, gönnte mir dann eine Pizza von Pizza Hut, bekam ein schlechtes
Gewissen und ging joggen. Gegen Abend machte ich mich dann auf den Weg zur
Arbeit. Als ich an jenem Mittag aufstand, lag ein Zettel auf dem Küchentisch
von meinem Freund Ralph. Er wollte Sonntag mit mir Mittagessen gehen, da wir
uns in letzter Zeit ziemlich selten sahen.
Als
ich noch lebte, arbeitete ich als Barkeeperin im angesagtesten Club der Stadt,
dem „Carpe Noctem“. Ich weiß, ich weiß, der Name ist ziemlich abgedroschen und
klingt eher nach Puff, als nach Disko oder Bar, aber er lief gut. Auch wenn ich
nur hinter der Theke arbeiten sollte, schmiss ich den Laden im Prinzip als
rechte Hand des Chefs. Der Inhaber des Clubs, Charlie O’Neil, war meist sein
eigener und bester Gast, weshalb die meiste Arbeit am Abend an mir hängen
blieb. Der Club öffnete abends um neun und schloss am nächsten Morgen um sieben
Uhr seine Pforten.
Aufgrund
des Dates mit meinem Freund am nächsten Tag, bat ich Serena, meine
Arbeitskollegin, die zweite Hälfte meiner Schicht zu übernehmen. Wäre Serena
nicht so ein Goldstück, würde ich vielleicht noch Leben.
Meinen
Arbeitsweg legte ich mit dem Auto innerhalb von 20 Minuten zurück. Ralph und
ich wohnten im Nachbarort des „Carpe Noctem“, einem Dorf mittlerer Größe. Dorf
und Stadt trennten in diesem Fall ein Stückchen Wald - schon bevor es zu meinem
Tod kam, fand ich es dort immer unheimlich.
Der
Weg hindurch war sehr schmal, aber um zwei Uhr nachts war diese Straße so gut
wie nie befahren. Nur ein paar Eichhörnchen oder im Herbst auch einmal ein paar
Rehe verirrten sich zu dieser Zeit auf die Fahrbahn. Wie immer drehte ich das
Radio laut auf, um die unangenehme Stille zu übertönen. Es lief gerade „Marry
the Night“ von Lady Gaga und ich sang Lauthals und ungehemmt mit.
Vor
mir tauchten zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit auf, also wurde ich etwas
langsamer und wich ein Stückchen auf den Seitenstreifen aus. Neben mir ging es
ein gutes Stück den Hügel hinab. Das fremde Auto fuhr mit immer noch
unverminderter Geschwindigkeit und ohne zu bremsen auf mich zu. Leider bemerkte
ich zu spät für jegliche Reaktionen, dass der Fahrer keine Anstalten machte,
mir ebenfalls auszuweichen. In dem Moment, als ich die Bremse bis zum Anschlag
durchtrat, rammte mich der Wagen mit voller Wucht. Der Aufprall war so heftig,
dass mein Wagen von der Straße den Hang hinunter geschoben wurde. Ich
überschlug mich ein-, zweimal und krachte in einen Baum, dessen dunkle Äste
sich vor dem hellen Mondlicht schwarz abhoben.
Dieses
Bild war das Letzte, was ich in mich aufnahm…
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