Was bildete sich dieser seltsame Geist eigentlich ein? Das konnte doch nicht wahr sein! Was habe ich denn getan, um so bestraft zu werden? Ich sollte nun also an meinem Mörder kleben? Na toll, so etwas konnte auch nur mir passieren – erst sterben und dann dafür bestraft werden, dass man tot und doch noch da ist! Und das alles sagte ich dem seltsamen Typen auch.
„Die Strafe steht fest!“, meinte er bloß dazu. Auf meine Frage, ob ich mich jetzt jede Sekunde mit diesem Mörder abgeben musste, gab er mir auch nur die knappe Auskunft, dass ich immer in Rufweite bleiben sollte. Was bedeutet das denn schon wieder? Ich glaube ich verliere langsam den Verstand. Echt seltsam. Und besonders wortgewandt war meine neue Bekanntschaft nun auch wieder nicht. Als ich mich gerade beschweren wollte, dass man auf dieser Ebene ja gar nichts zu erfahren bekam, nickte mir der unheimliche Fremde kurz zu und verschwand dann.
Und ich blieb mit meinen Fragen ganz allein zurück an meinem Grab und ärgerte mich über seinen plötzlichen Abgang. Wieder einmal keiner, der mir das Geister-Dasein erklären konnte oder wollte. Ich seufzte einmal kurz und wandte mich dann um, um den Friedhof wieder zu verlassen. Dieses ewige hin- und herlaufen ging mir ziemlich auf den G… Senkel, es ging mir auf den Senkel – wir wollen doch jetzt nicht mit schlechten Wortwitzen anfangen. Wo ich jetzt schon mal eine Aufgabe hatte, konnte ich auch versuchen, diese gewissenhaft zu umgehen – also echt, die ganze Zeit an der Seite des Mannes kleben zu müssen, der einen auf dem Gewissen hatte, hörte sich extrem anstrengend und nervig an!
Mit diesen Gedanken führten mich meine Schritte zurück zum Krankenhaus.
Moment mal… Was tat ich denn da? Wollte ich mich nicht eigentlich von diesem Typen fernhalten? Mistmistmist! Aber etwas zog mich ziemlich magisch an diesen Ort und ich erkannte erst, dass es Christophers Gedanken waren, die mich hierhergeführt hatten, als ich vor ihm stand.
„Oh Mann! Was willst du?“, keifte ich ihn ziemlich unfreundlich an.
Er zuckte kurz zusammen, doch seine Stimme strahlte Ruhe aus: „Du bist ja wirklich gekommen? Echt seltsam – ich habe gerade daran gedacht, dass ich gern mit dir reden würde und schon stehst du vor mir! Wow! Ich meine… WOW!“
Ich winkte ab. „Du willst reden? Dann rede…“, forderte ich ihn auf. Er setzte sich in seinem Krankenbett etwas auf. Mittlerweile hatte man ihn offiziell aufgenommen und es hing sogar eines dieser Klemmbretter am Fußende des Bettes mit allen wichtigen Informationen zu dem Patienten. Ich konnte nur einen kurzen Blick erhaschen, da Christopher mich starr beobachtete und ich nicht allzu unhöflich erscheinen wollte.
„Also gut.“, seufzte er. „Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum ich dich sehen und mit dir sprechen kann, aber ich glaube, so etwas geschieht nicht ohne Grund.“ Er stockte für einen Augenblick. „Die Ärzte sagten mir, ich hätte einen Herzstillstand gehabt – wenn auch nur für einen Moment lang – und nur so kann ich mir diese bizarre Situation erklären.“ Wieder hielt er inne. Erst als ich bekräftigend nickte, fuhr er mit gesenkter Stimme fort: „Es tut mir leid. Dass mit dem Unfall, meine ich!“
Diesmal erstarrte ich für einen Moment und auch wenn ich wieder diese Wut in mir spürte, nicht mehr am Leben zu sein, so unterdrückte ich meine Gefühle und trat einen Schritt näher an das Bett heran. Ich spürte, dass er es ernst meinte, also nickte ich nur.
„Kannst du mir je irgendwann verzeihen?“ Schuldbewusst wandte er den Blick ab.
„Irgendwann vielleicht – aber dafür musst du mir schon ein paar Gegenleistungen erbringen!“, meinte ich, einem Geistesblitz (haha!) folgend. Wenn ich schon an den da gekettet war – und offensichtlich nicht davon loskam, dann konnte ich auch das Beste daraus machen und ein paar Gefallen von ihm fordern.
Nun schaute er mir wieder direkt in die Augen. Braunen Augen gegenüber war ich schon immer schwach – und seine waren wirklich rehbraun! „Was verlangst du?“, fragte er leise.
„Es gibt da ein paar Dinge, die ich nicht mehr erledigen konnte – und vor allem Dinge, welche ich nicht verstehe! Ich verlange von dir, dass du mir dabei hilfst, Licht ins Dunkel zu bringen!“ Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme herrisch. Er nickte, um mir mitzuteilen, dass er verstand und sich seinem Schicksal fügen würde. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte die Frage, die mich am meisten interessierte: „W-Was ist damals passiert? Warum bist du mir nicht ausgewichen?“ Ich hatte Angst vor der Antwort – sie könnte mein Bild, welches ich mir mittlerweile von Christopher machte, vollends zerstören.
„Ich bin Immobilienmakler, weißt du?“, begann er zu erzählen. Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er alles andere als glücklich war, an jene Situation erinnert zu werden. „Da kommt es oft vor, dass man lang arbeitet – vor allem, wenn man schon einen ziemlich hohen Status in diesem Geschäft erreicht hat. Am Unfallabend habe ich bis in die Nacht hinein noch Akten sortiert, weshalb ich auf der Heimfahrt extrem müde war…“ Just in diesem Augenblick wurde die Tür des Krankenzimmers aufgerissen und eine Frau auf extrem hohen High-Heels und im Mini stürmte herein. Erschrocken verstummte Christopher – es wäre auch sehr unangenehm gewesen, bei Selbstgesprächen erwischt zu werden, denn genauso sah es für Außenstehende aus.
„Chris!“, quäkte das Weibsstück und schlang ihre Arme um seinen Hals. Dabei presste sie seinen Kopf wie zufällig an ihren (und das musste man zugeben) sehr üppigen Busen und verschmierten Unmengen Lipgloss in seinem Haar. Erstaunlicherweise waren ihre Lippen immer noch perfekt geschminkt, als sie sich endlich wieder von ihm löste.
„Veronica?! Was willst du denn hier?“, fragte er nach Luft ringend.
„Chris! Als ich hörte, du liegst im Krankenhaus, bin ich sofort hergeeilt!“ Während sie dies sagte, lies sie einen Blick durch das Zimmer schweifen. „Oh mein Gott!“, keuchte sie dann. „Ich werde sofort dafür sorgen, dass du ein besseres Zimmer bekommst! Das ist ja wohl eine Zumutung für jemanden in deiner Stellung!“ Sofort sprang sie auf und wollte schon aus der Tür eilen, um – und das dachte ich mir zumindest – den nächstbesten Menschen im Krankenhaus wegen eines neuen Zimmers aufzuscheuchen.
„Veronica, dass musst du nicht… Ich fühle mich ganz wohl hier auf der Station!“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kannst du doch nicht ernst meinen! Wie willst du denn in diesem… diesem Loch… gesund werden?“ Ach du liebe Güte, wer ist dieses platinblonde Schätzchen denn? Also, es war ja eine Sache, wenn ich an meinem Unfallschuldigen festhing, aber an diese Tussi – was anderes war sie einfach nicht – wollte ich auf gar keinen Fall ebenfalls gekettet sein. So wie sie sich ihm gegenüber benahm, war sie definitiv seine Freundin, oder rückte ihm zumindest öfter auf die Pelle. Ich sah schon, wohin das führen würde – unweigerlich dazu, dass ich Barbie-Girl noch länger ertragen durfte.
„Ehrlich Veronica, du brauchst dich nicht darum kümmern. Mir geht es sehr gut hier drin und ich muss ja auch nicht lange bleiben. Wahrscheinlich komme ich morgen schon wieder heraus und bin dann Samstag wieder an der Arbeit.“ Er legte eine kurze Pause ein und bedachte mich mit einem seltsamen Blick. Wahrscheinlich standen mir meine Bedenken sehr deutlich ins Gesicht geschrieben, auch wenn er von meiner „Strafe“ ja noch nichts wusste.
„Aber Chris…“, jammerte Hauptsache-kurz-Veronica wieder. Nicht nur ihr Minirock ließ ziemlich viel Bein blicken, auch ihr Dekolleté zeigte mehr, als dass es verdeckte. Ihre blond gefärbten Haare waren zu einem beeindruckenden Meisterwerk drapiert und durch eine auffällige Blumenhaarspange besonders gut in Szene gesetzt. Ihre High Heels klapperten bei jedem Schritt lautstark auf dem Boden des Patientenzimmers und ihr Make-up saß perfekt und war genau abgestimmt auf ihr Outfit. Einen Makel konnte ich nicht an ihr entdecken – ich hasste sie jetzt schon!
Doch ‚Chris‘ schien sich davon nicht stören zu lassen, denn er unterbrach sie seelenruhig: „Veronica, mach dir keine Gedanken um mich. Mir geht es gut soweit. Ich mache mir eher Sorgen um meine Geschäfte – ist im Büro alles in Ordnung?“ Achso, also eine Arbeitskollegin.
Das Püppchen verzog ihre Lipgloss-Lippen zu einem Schmollmund. „Alles Bestens.“, sagte sie pikiert angesichts seines Desinteresses an ihrer Selbst.
„Es ist schon spät. Die Besuchszeit ist auch fast um… Geh doch nach Hause meine Liebe und ruh dich aus. Du musst morgen allein die Stellung halten.“ Er sprach sehr sanft mit Veronica und sie nickte automatisch, richtete sich vollends auf und – ich konnte es kaum fassen – verabschiedete sich. Dann war sie weg.
„Fantastisch! Wie hast du das angestellt?“, überrascht blickte ich ihn an. „Wie Hypnose! Genial!“
Christopher wirkte beinahe etwas verlegen, als er antwortete: „Nein, das war keine Hypnose. Veronica ist nur sehr leicht zu beeinflussen…“
„Wer war das überhaupt? Sie sah aus, wie frisch von der Gogo-Stange entflohen.“, witzelte ich. Doch leider stieß mein Humor anscheinend auf taube Ohren, denn Christopher lachte nicht.
„Das war meine Sekretärin.“ Meine Frage, ob sie denn mehr seien als Boss und Angestellte, wehrte er vehement ab. „Nein, ich stehe nicht so auf Frauen, die sich so… haben!“ Erstaunt schüttelte ich den Kopf. Dieser Kerl sorgte doch immer wieder für Überraschungen – echt faszinierend. Wenn ich gelebt hätte und Single gewesen wäre, würde ich mich wahrscheinlich sofort an seinen Hals werfen. Er sah ja auch umwerfend aus.
Dennoch hasste ich ihn immer noch, auch wenn die vorherige Wut zu einem Teil einer gewissen Achtung gewichen war.
Bevor wir unser Gespräch fortführen konnten, wurde die Tür erneut geöffnet und eine Schwester betrat den Raum. Christopher warf mir einen Blick zu, der zu sagen schien: „Wahrscheinlich wird das in den nächsten Stunden nichts mehr.“ Ich nickte, dass ich verstanden hatte und ging.
Draußen auf dem Flur traf ich auf Camille. Sie tigerte vor der Tür herum und warf immer wieder nervöse Blicke auf die Uhr. So hatte ich sie noch nie gesehen. Sie musste ganz schön durch den Wind sein, von all dem Druck, der zurzeit auf ihr lastete. Am liebsten hätte ich sie wieder in den Arm genommen und ihr versichert, dass alles wieder gutwerden würde. Doch das ging nun einmal nicht und so beließ ich es bei der Beobachtung. Irgendwann verließ sie ihre Position und begab sich zurück an ihre Arbeit.
Ich folgte ihr und beobachtete sie noch eine Weile. Währenddessen erkannte ich noch so manchen Geist, der im Krankenhaus herumlungerte und nicht so recht wusste, was er oder sie hier noch zu suchen hatte. Und dann gab es noch die Geister, die sich eindeutig an eine gewisse Person gehangen hatten. Ich würde noch zur Meisterin in Geistererkennung werden!
Zum Glück war Allison der einzige Geist an Camilles Seite gewesen, sonst hätte ich wohl noch mehr Ghost-Whisperer-Arbeit leisten dürfen und darauf hatte ich nun wirklich absolut keinen Bock! Ich hatte schon eine Aufgabe: meinen Frieden zu finden; und ich denke, damit hatte ich schon mehr als genug zu tun.
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