Die
Ärzte verfrachteten den Wiederbelebten auf eine Liege und setzten ihm eine
Atemmaske auf. Danach schoben ihn zwei Pfleger in ein leeres Krankenzimmer und
schlossen ihn an ein paar Überwachungsgeräte an.
Auch
Camille wuselte geschäftig hin und her und versuchte immer wieder zufällig
einen Blick auf den Verletzten zu werfen, bevor auch sie wieder an ihre Arbeit
gehen musste. Hatte sie noch vor einem Augenblick ängstlich, beinahe panisch
gewirkt, so strahlte sie nun eine unendliche Erleichterung aus.
„Glück
gehabt.“, meinte das Geistermädchen zu mir. „Hast ihn wohl doch nicht über den
Jordan geschickt.“
„Stimmt!“,
rief ich erleichtert aus. Der Schock über das gerade Erlebte ließ langsam nach
und ich konnte endlich wieder klar denken. Auch meine Wut war so ziemlich
vergessen – natürlich brodelte noch immer ein kleines Flämmchen in mir, aber
das war nicht zu vergleichen mit dem Feuer, welches in mir gelodert hatte.
„Gott sei Dank!“, fügte ich leise murmelnd hinzu.
„Nun
gut, ich gehe dann jetzt mal! Ich habe keinen Grund, länger hier herumzuhängen.
Danke dir nochmal, du hast mir die Augen geöffnet.“ Sie war gerade im Begriff
zu verschwinden, da hielt ich sie noch einmal zurück.
„Warte
mal! Wie heißt du eigentlich?“
„Allison.
Mein Name ist Allison Green.“ Mit diesen letzten Worten begann sie erneut sich
aufzulösen.
„Danke
Allison!“, brüllte ich hinter ihr her und ein letztes Lächeln erfüllte ihr
Gesicht, ehe sie komplett verschwunden war.
Wieder
allein, widmete ich mich meinem (Beinahe-) Opfer. Verletzlich lag er in dem
Krankenbett und starrte stumm zur Decke hinauf. Vermutlich dankte er Gott im
Stillen dafür, noch am Leben zu sein.
Ich
trat in das Zimmer ein und musterte den Mann, welcher mich höchstwahrscheinlich
ermordet hatte, von oben bis unten. Außer uns beiden war nur noch eine
Schwester im Raum, die noch einmal alle Geräte kontrollierte, an welche der
Patient angeschlossen war, bevor sie sich verabschiedete, um sich anderen Kranken
in anderen Zimmern zu widmen.
Der
junge Mann vor mir war sehr attraktiv – na, wenigstens war ich nicht von einem
Hells-Angel-Verschnitt auf die Ebene geschickt worden! Er hatte blondes Haar,
welches weder kurz noch lang war, sondern genau richtig. Sein Gesicht war
markant geschnitten und in seinen Mundwinkeln verborgen, ließe sich hauchzarte
Lachfältchen finden. Er war mindestens einen halben Kopf größer als ich und
wirkte sehr durchtrainiert.
Nach
einigen Minuten, die ich ihn unverhohlen gemustert hatte, richtete er sich ein
wenig auf und starrte das nächste unbewegliche Objekt vor sich an. Da wir uns
in einem sehr spartanisch eingerichteten Zimmer befanden, konnte es nur die
Wand hinter mir sein, auf die sein Blick fiel.
Oder?
Irgendwie
gewann ich den Eindruck, der Kranke blickte mich an! Das war aber nicht
möglich, oder doch? Verwunderung zeichnete sein Gesicht, bis sie entsetzlichem
Schrecken wich! Und genau in diesem Moment wusste ich, dass er mich sah!
„Jennifer?
A-Aber… W-Was ist hier los? B-Bin ich tot?“, stammelte er vor sich hin.
Ich
wich ebenfalls erschrocken zurück. Das konnte überhaupt nicht möglich sein, was
hier gerade abging. Ich musste diese blöde Fragen stellen, auch wenn er sie
bereits beantwortet hatte und so entwich meinem Mund ein gestammeltes: „Du-Du
kannst mich sehen?“
Er
nickte und schüttelte dann ungläubig den Kopf. „Bin ich tot?“, fragte er
erneut.
Ich
zuckte mit den Schultern. „Nein. Die Ärzte haben dich reanimiert!“, meinte ich
seelenruhig. Die Situation war so bizarr – ich tot und er konnte mich sehen –
dass ich alle Gefühle in diesem Moment ablegte um noch einmal klar und
unvoreingenommen darüber nachdenken konnte.
Er
dagegen schien sich noch nicht mit dem Erlebten abgefunden zu haben, sondern
schrie mich an: „Aber ich sehe und rede mit einer Toten!“ Doch als er begriff,
was er gerade zu mir gesagt hatte, schlug er sich die Hand vor den Mund und
blickte entschuldigend zu mir auf. „Tut mir Leid… Das war nicht sehr feinfühlig
von mir!“
„Schon
gut.“ Irgendetwas hatte er an sich, weshalb ich ihm nicht böse sein konnte. Ich
meine – hey, ich hatte gerade versucht ihn umzubringen und auch wenn er für
meinen derzeitigen Zustand verantwortlich war, so waren wir nun doch irgendwie
quitt. Mein Zorn war zwar noch nicht vollständig verflogen, aber ein Großteil
war der Erleichterung darüber gewichen, keine Mörderin zu sein!
Was
genau hier allerdings gerade geschah, davon hatte ich immer noch keine Ahnung.
Je mehr ich darüber nachgrübelte, desto verwirrte wurde ich angesichts dieses
ungewöhnlichen Umstandes.
„Oh
mein Gott!“, fuhr er fort. „Du bist hier um mich zu bestrafen, richtig?!“ Und
just in dem Moment, als er diese Worte aussprach, schien ihn eine Gewissheit zu
überkommen und er fügte zitternd hinzu: „Du! Du warst das mit der Treppe… Du
hast mich umbringen wollen!“
Dafür,
dass er soeben beinahe gestorben war und bestimmt auch einen schönen Schlag auf
den Kopf bekommen hatte bei seinem Purzelbaum treppabwärts, war er immer noch
ziemlich schnell von Begriff. Und auch wenn seine Stimme bei seiner Anklage vor
Schreck gezittert hatte, war er doch erstaunlich ruhig geblieben. Ich an seiner
Stelle, wäre wahrscheinlich einfach umgekippt – oder aus dem Bett gestürzt und
auf meinen schlechten Albtraum losgegangen. Dieser junge Mann allerdings bewies
echt Nerven und starrte mich nur mit vor Entsetzten weit geöffneten Augen an,
während die Geräte um uns herum wie verrückt piepsten.
„Zu
meiner Verteidigung: Ich wollte dich nicht töten!“, setzte ich entschuldigend
an. „Ich war nur so unbeschreiblich wütend auf dich! Du hast mich immerhin
umgebracht…“ Beschämt schaute ich zu Boden. „Ich weiß, dass ist keine
angemessene Entschuldigung und mein Verhalten war nicht unbedingt Lady-Like,
aber woher hätte ich auch wissen können, dass ich dich würde berühren und sogar
schubsen können! Den ganzen Tag schon gleiten meine Finger und mein ganzer
Körper durch alles hindurch, was ich berühren möchte!“, platzte es aus mir
heraus.
Bevor
er auf meinen Ausbruch reagieren konnte, stürmte schon Camille zur Tür herein.
„Christopher!
Wie geht es Ihnen?“ Nach einem Blick auf die verrücktspielenden Geräte, an
welche er angeschlossen war, fügte sie hinzu: „Haben Sie Schmerzen? Regt Sie
etwas auf? Soll ich einen Arzt holen?“
Soso,
Christopher hieß er also. Verwirrt wechselte sein Blick zwischen Camille und
mir hin und her, bevor er den Kopf schüttelte und der Schwester in seinem
Zimmer fest in die Augen sah. „Nein, danke Camille. Mir geht es gut. Muss wohl
noch der Schock über den Unfall sein.“ Nachdenklich stand sie neben seinem Bett
und musterte den jungen Mann. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er ob des
traurigen Ausdrucks auf ihrem Gesicht.
„Natürlich
ist nicht alles in Ordnung mit Ihr, du Trottel!“, brüllte ich ihn an.
Erschrocken zuckte er zusammen. „Sie hat gerade ihre beste Freundin verloren
und dann fragst du sie, ob es ihr gut geht?“ Ich weiß, das klang egoistisch,
aber jemand musste es ja mal sagen. Christophers Blick rammte sich in den
Meinen und ich verstummte augenblicklich – o Mann! Dieser Kerl konnte eindeutig
Autorität ausstrahlen und selbst ich war dagegen anscheinend nicht immun.
Wütend – mehr über mich selbst als über ihn – wandte ich mich ab und verließ
den Raum durch die geschlossene Tür. Ich konnte auf dem lauten Korridor nicht
verstehen, was die beiden im Raum noch beredeten, aber Camille kam schon nach
ein paar Minuten wieder heraus, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Sie
liebte ihren Job wirklich, wenn Sie sich sogar um den Mörder ihrer liebsten
Freundin Sorgen machte. Jedenfalls dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch.
Ich
hielt es hier nicht mehr aus, weshalb ich beschloss, das Krankenhaus wieder zu
verlassen. Draußen auf der Straße blickte ich mich nach alle Seiten um. Wohin nun?, dachte ich und spürte sofort
wieder diesen inneren Zug in eine bestimmte Richtung. Ich folgte, wie bereits
vorher schon und landete erneut auf dem Friedhof. Mittlerweile war es bereits
fortgeschrittener Abend und außer mir befand sich niemand dort. Oder doch?
Wieso sollte ich dann hierher kommen? Was hatte mich angezogen?
Ich
schlenderte die Wege zwischen den vielen Gräbern entlang. Ehrfurcht erfasste
mich, angesichts der vielen letzten Ruhestätten. Als ich mich meinem eigenen
zugewiesenen Platz in der Anlage zuwandte, erblickte ich eine Gestalt, die
reglos davorstand und auf mich zu warten schien. Vorsichtig näherte ich mich.
Nach und nach erkannte ich, dass es sich um einen Mann mittleren Alters
handelte, welcher grimmig dreinblickte.
„Hallo.“,
begrüßte ich den mürrischen Herrn. „Wer sind Sie?“ Dass der Mann mich verstehen
und sehen konnte, wusste ich – er war ebenfalls ein Geist. Mittlerweile konnte
ich diese gewisse Aura spüren, die nur Geister zu umgeben schien.
„Jennifer
Lorrain Miller?“ Der Mann hatte eine extrem tiefe und volltönende Stimme und
die Art, wie er meinen Namen aussprach, jage mir einen kalten Schauer den
Rücken hinunter. Also nickte ich nur stumm und blickte den Geist erwartungsvoll
an. „Du gehörst nicht mehr in diese Welt!“, sagte er.
„Wie
jetzt? Was kann ich denn dafür, dass ich hier gelandet bin?“, brach es aus mir
hervor. „Hey, ich bin einfach in meinem Bett aufgewacht und wusste ja nicht
einmal, dass ich tot bin…“, plapperte ich ungehalten weiter und gestikulierte
wild mit den Armen.
Der
Fremde schien davon nicht gerade begeistert zu sein, den er unterbrach mich
ziemlich barsch: „Du bist nicht ins Licht gegangen!“
„Was
denn für ein Licht?“, fragte ich erbost. „Wenn ich ein Licht gesehen hätte,
würde ich doch nicht mehr hier herumhängen und mich über meinen Tod ärgern!“,
schrie ich ihn an.
„Deine
Seele muss erlöst werden…“, fuhr er mich ignorierend fort, während ich nur
wütend schnaubte. „Noch dazu hast du die Geister-Gesetze verletzt, indem du
einem Menschen Gewalt angetan hast!“
„Aber
das wollte ich doch nicht! Ich wusste ja nicht einmal, dass und wie so etwas
geht. Es ist einfach passiert!“ Doch alles was ich sagte interessierte den
Typen nicht.
„Wirst
du deine Strafe annehmen?“, fragte er und schaute mich erneut streng an.
„Was
denn für eine Strafe? Wie soll ich sie annehmen, wenn ich nicht einmal weiß,
was ich zu tun habe?! Darauf lasse ich mich nicht ein!“, blaffte ich zurück.
Langsam wurde mir das alles zu bunt. Ich hatte keine Ahnung, in was ich da
hineingeraten war!
„Du
wirst dazu verpflichtet, immer in Christophers Nähe zu sein, bis du deinen Frieden
gefunden hast! Nicht eher sollst du das Licht zu Gesicht bekommen. Verlässt du
deinen Posten an seiner Seite, kostet dich das einige Privilegien in dem
DANACH!“, antwortete er mit seiner unheilvollen Stimme.
Ich
konnte ihn nur entsetzt anstarren…
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