Donnerstag, 28. November 2013

Kapitel 5

Die Ärzte verfrachteten den Wiederbelebten auf eine Liege und setzten ihm eine Atemmaske auf. Danach schoben ihn zwei Pfleger in ein leeres Krankenzimmer und schlossen ihn an ein paar Überwachungsgeräte an.
Auch Camille wuselte geschäftig hin und her und versuchte immer wieder zufällig einen Blick auf den Verletzten zu werfen, bevor auch sie wieder an ihre Arbeit gehen musste. Hatte sie noch vor einem Augenblick ängstlich, beinahe panisch gewirkt, so strahlte sie nun eine unendliche Erleichterung aus.
„Glück gehabt.“, meinte das Geistermädchen zu mir. „Hast ihn wohl doch nicht über den Jordan geschickt.“

„Stimmt!“, rief ich erleichtert aus. Der Schock über das gerade Erlebte ließ langsam nach und ich konnte endlich wieder klar denken. Auch meine Wut war so ziemlich vergessen – natürlich brodelte noch immer ein kleines Flämmchen in mir, aber das war nicht zu vergleichen mit dem Feuer, welches in mir gelodert hatte. „Gott sei Dank!“, fügte ich leise murmelnd hinzu.
„Nun gut, ich gehe dann jetzt mal! Ich habe keinen Grund, länger hier herumzuhängen. Danke dir nochmal, du hast mir die Augen geöffnet.“ Sie war gerade im Begriff zu verschwinden, da hielt ich sie noch einmal zurück.
„Warte mal! Wie heißt du eigentlich?“
„Allison. Mein Name ist Allison Green.“ Mit diesen letzten Worten begann sie erneut sich aufzulösen.
„Danke Allison!“, brüllte ich hinter ihr her und ein letztes Lächeln erfüllte ihr Gesicht, ehe sie komplett verschwunden war.
Wieder allein, widmete ich mich meinem (Beinahe-) Opfer. Verletzlich lag er in dem Krankenbett und starrte stumm zur Decke hinauf. Vermutlich dankte er Gott im Stillen dafür, noch am Leben zu sein.
Ich trat in das Zimmer ein und musterte den Mann, welcher mich höchstwahrscheinlich ermordet hatte, von oben bis unten. Außer uns beiden war nur noch eine Schwester im Raum, die noch einmal alle Geräte kontrollierte, an welche der Patient angeschlossen war, bevor sie sich verabschiedete, um sich anderen Kranken in anderen Zimmern zu widmen.
Der junge Mann vor mir war sehr attraktiv – na, wenigstens war ich nicht von einem Hells-Angel-Verschnitt auf die Ebene geschickt worden! Er hatte blondes Haar, welches weder kurz noch lang war, sondern genau richtig. Sein Gesicht war markant geschnitten und in seinen Mundwinkeln verborgen, ließe sich hauchzarte Lachfältchen finden. Er war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte sehr durchtrainiert.
Nach einigen Minuten, die ich ihn unverhohlen gemustert hatte, richtete er sich ein wenig auf und starrte das nächste unbewegliche Objekt vor sich an. Da wir uns in einem sehr spartanisch eingerichteten Zimmer befanden, konnte es nur die Wand hinter mir sein, auf die sein Blick fiel.
Oder?
Irgendwie gewann ich den Eindruck, der Kranke blickte mich an! Das war aber nicht möglich, oder doch? Verwunderung zeichnete sein Gesicht, bis sie entsetzlichem Schrecken wich! Und genau in diesem Moment wusste ich, dass er mich sah!
„Jennifer? A-Aber… W-Was ist hier los? B-Bin ich tot?“, stammelte er vor sich hin.
Ich wich ebenfalls erschrocken zurück. Das konnte überhaupt nicht möglich sein, was hier gerade abging. Ich musste diese blöde Fragen stellen, auch wenn er sie bereits beantwortet hatte und so entwich meinem Mund ein gestammeltes: „Du-Du kannst mich sehen?“
Er nickte und schüttelte dann ungläubig den Kopf. „Bin ich tot?“, fragte er erneut.
Ich zuckte mit den Schultern. „Nein. Die Ärzte haben dich reanimiert!“, meinte ich seelenruhig. Die Situation war so bizarr – ich tot und er konnte mich sehen – dass ich alle Gefühle in diesem Moment ablegte um noch einmal klar und unvoreingenommen darüber nachdenken konnte.
Er dagegen schien sich noch nicht mit dem Erlebten abgefunden zu haben, sondern schrie mich an: „Aber ich sehe und rede mit einer Toten!“ Doch als er begriff, was er gerade zu mir gesagt hatte, schlug er sich die Hand vor den Mund und blickte entschuldigend zu mir auf. „Tut mir Leid… Das war nicht sehr feinfühlig von mir!“
„Schon gut.“ Irgendetwas hatte er an sich, weshalb ich ihm nicht böse sein konnte. Ich meine – hey, ich hatte gerade versucht ihn umzubringen und auch wenn er für meinen derzeitigen Zustand verantwortlich war, so waren wir nun doch irgendwie quitt. Mein Zorn war zwar noch nicht vollständig verflogen, aber ein Großteil war der Erleichterung darüber gewichen, keine Mörderin zu sein!
Was genau hier allerdings gerade geschah, davon hatte ich immer noch keine Ahnung. Je mehr ich darüber nachgrübelte, desto verwirrte wurde ich angesichts dieses ungewöhnlichen Umstandes.
„Oh mein Gott!“, fuhr er fort. „Du bist hier um mich zu bestrafen, richtig?!“ Und just in dem Moment, als er diese Worte aussprach, schien ihn eine Gewissheit zu überkommen und er fügte zitternd hinzu: „Du! Du warst das mit der Treppe… Du hast mich umbringen wollen!“
Dafür, dass er soeben beinahe gestorben war und bestimmt auch einen schönen Schlag auf den Kopf bekommen hatte bei seinem Purzelbaum treppabwärts, war er immer noch ziemlich schnell von Begriff. Und auch wenn seine Stimme bei seiner Anklage vor Schreck gezittert hatte, war er doch erstaunlich ruhig geblieben. Ich an seiner Stelle, wäre wahrscheinlich einfach umgekippt – oder aus dem Bett gestürzt und auf meinen schlechten Albtraum losgegangen. Dieser junge Mann allerdings bewies echt Nerven und starrte mich nur mit vor Entsetzten weit geöffneten Augen an, während die Geräte um uns herum wie verrückt piepsten.
„Zu meiner Verteidigung: Ich wollte dich nicht töten!“, setzte ich entschuldigend an. „Ich war nur so unbeschreiblich wütend auf dich! Du hast mich immerhin umgebracht…“ Beschämt schaute ich zu Boden. „Ich weiß, dass ist keine angemessene Entschuldigung und mein Verhalten war nicht unbedingt Lady-Like, aber woher hätte ich auch wissen können, dass ich dich würde berühren und sogar schubsen können! Den ganzen Tag schon gleiten meine Finger und mein ganzer Körper durch alles hindurch, was ich berühren möchte!“, platzte es aus mir heraus.
Bevor er auf meinen Ausbruch reagieren konnte, stürmte schon Camille zur Tür herein.
„Christopher! Wie geht es Ihnen?“ Nach einem Blick auf die verrücktspielenden Geräte, an welche er angeschlossen war, fügte sie hinzu: „Haben Sie Schmerzen? Regt Sie etwas auf? Soll ich einen Arzt holen?“
Soso, Christopher hieß er also. Verwirrt wechselte sein Blick zwischen Camille und mir hin und her, bevor er den Kopf schüttelte und der Schwester in seinem Zimmer fest in die Augen sah. „Nein, danke Camille. Mir geht es gut. Muss wohl noch der Schock über den Unfall sein.“ Nachdenklich stand sie neben seinem Bett und musterte den jungen Mann. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er ob des traurigen Ausdrucks auf ihrem Gesicht.
„Natürlich ist nicht alles in Ordnung mit Ihr, du Trottel!“, brüllte ich ihn an. Erschrocken zuckte er zusammen. „Sie hat gerade ihre beste Freundin verloren und dann fragst du sie, ob es ihr gut geht?“ Ich weiß, das klang egoistisch, aber jemand musste es ja mal sagen. Christophers Blick rammte sich in den Meinen und ich verstummte augenblicklich – o Mann! Dieser Kerl konnte eindeutig Autorität ausstrahlen und selbst ich war dagegen anscheinend nicht immun. Wütend – mehr über mich selbst als über ihn – wandte ich mich ab und verließ den Raum durch die geschlossene Tür. Ich konnte auf dem lauten Korridor nicht verstehen, was die beiden im Raum noch beredeten, aber Camille kam schon nach ein paar Minuten wieder heraus, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Sie liebte ihren Job wirklich, wenn Sie sich sogar um den Mörder ihrer liebsten Freundin Sorgen machte. Jedenfalls dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch.
Ich hielt es hier nicht mehr aus, weshalb ich beschloss, das Krankenhaus wieder zu verlassen. Draußen auf der Straße blickte ich mich nach alle Seiten um. Wohin nun?, dachte ich und spürte sofort wieder diesen inneren Zug in eine bestimmte Richtung. Ich folgte, wie bereits vorher schon und landete erneut auf dem Friedhof. Mittlerweile war es bereits fortgeschrittener Abend und außer mir befand sich niemand dort. Oder doch? Wieso sollte ich dann hierher kommen? Was hatte mich angezogen?
Ich schlenderte die Wege zwischen den vielen Gräbern entlang. Ehrfurcht erfasste mich, angesichts der vielen letzten Ruhestätten. Als ich mich meinem eigenen zugewiesenen Platz in der Anlage zuwandte, erblickte ich eine Gestalt, die reglos davorstand und auf mich zu warten schien. Vorsichtig näherte ich mich. Nach und nach erkannte ich, dass es sich um einen Mann mittleren Alters handelte, welcher grimmig dreinblickte.
„Hallo.“, begrüßte ich den mürrischen Herrn. „Wer sind Sie?“ Dass der Mann mich verstehen und sehen konnte, wusste ich – er war ebenfalls ein Geist. Mittlerweile konnte ich diese gewisse Aura spüren, die nur Geister zu umgeben schien.
„Jennifer Lorrain Miller?“ Der Mann hatte eine extrem tiefe und volltönende Stimme und die Art, wie er meinen Namen aussprach, jage mir einen kalten Schauer den Rücken hinunter. Also nickte ich nur stumm und blickte den Geist erwartungsvoll an. „Du gehörst nicht mehr in diese Welt!“, sagte er.
„Wie jetzt? Was kann ich denn dafür, dass ich hier gelandet bin?“, brach es aus mir hervor. „Hey, ich bin einfach in meinem Bett aufgewacht und wusste ja nicht einmal, dass ich tot bin…“, plapperte ich ungehalten weiter und gestikulierte wild mit den Armen.
Der Fremde schien davon nicht gerade begeistert zu sein, den er unterbrach mich ziemlich barsch: „Du bist nicht ins Licht gegangen!“
„Was denn für ein Licht?“, fragte ich erbost. „Wenn ich ein Licht gesehen hätte, würde ich doch nicht mehr hier herumhängen und mich über meinen Tod ärgern!“, schrie ich ihn an.
„Deine Seele muss erlöst werden…“, fuhr er mich ignorierend fort, während ich nur wütend schnaubte. „Noch dazu hast du die Geister-Gesetze verletzt, indem du einem Menschen Gewalt angetan hast!“
„Aber das wollte ich doch nicht! Ich wusste ja nicht einmal, dass und wie so etwas geht. Es ist einfach passiert!“ Doch alles was ich sagte interessierte den Typen nicht.
„Wirst du deine Strafe annehmen?“, fragte er und schaute mich erneut streng an.
„Was denn für eine Strafe? Wie soll ich sie annehmen, wenn ich nicht einmal weiß, was ich zu tun habe?! Darauf lasse ich mich nicht ein!“, blaffte ich zurück. Langsam wurde mir das alles zu bunt. Ich hatte keine Ahnung, in was ich da hineingeraten war!
„Du wirst dazu verpflichtet, immer in Christophers Nähe zu sein, bis du deinen Frieden gefunden hast! Nicht eher sollst du das Licht zu Gesicht bekommen. Verlässt du deinen Posten an seiner Seite, kostet dich das einige Privilegien in dem DANACH!“, antwortete er mit seiner unheilvollen Stimme.

Ich konnte ihn nur entsetzt anstarren…

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